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Nachhaltigkeits-Check: Wer weist recyceltes Material wirklich nach?

„Aus recyceltem Polyester“ steht auf fast jedem Baselayer-Etikett. Was dahinter geprüft wurde, steht dort selten. Wir zeigen, woran man den Unterschied erkennt – und welche Modelle im Vergleich einen Nachweis für genau diesen Artikel mitbringen.

Nahaufnahme: Eine Hand hält das weiße Innenetikett am Kragen eines dunkelgrauen Funktionsshirts ins Tageslicht, die Strickstruktur des Stoffs ist deutlich zu erkennen
Veröffentlicht: Oktober 2026 · Aktualisiert: Oktober 2026
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Kaum ein Funktionsshirt kommt heute ohne Nachhaltigkeitsversprechen aus. „Recyceltes Polyester“, „umweltfreundlich“, „verantwortungsvoll produziert“ – die Formulierungen sind frei wählbar, denn sie sind keine geschützten Begriffe. Weder eine Mindestmenge noch eine Prüfung ist damit zugesagt.

Es gibt aber einen Punkt, an dem sich Werbung und Nachweis trennen lassen, und der ist für Käufer nachprüfbar. Darum geht es in diesem Check: nicht darum, welche Marke das beste Nachhaltigkeitsleitbild hat, sondern welches konkrete Produkt einen Nachweis mitbringt.

Was die Begriffe tatsächlich bedeuten

Fünf Begriffe tauchen auf Etiketten und Produktseiten immer wieder auf. Sie klingen ähnlich, sagen aber Unterschiedliches aus:

  • „Aus recyceltem Polyester“: eine Herstellerangabe. Damit ist keine Mindestmenge zugesagt, keine unabhängige Prüfung und kein Nachweis der Lieferkette. Die Angabe kann zutreffen, sie kann sich aber auch nur auf einen Teil des Materials beziehen.
  • GRS (Global Recycled Standard): bestätigt mindestens 50 % recycelte Materialien, nachprüfbar über die gesamte Lieferkette. Geprüft wird nicht nur das Endprodukt, sondern jeder Verarbeitungsschritt davor.
  • RCS (Recycled Claim Standard): prüft ebenfalls den recycelten Anteil und die Lieferkette, aber ohne die zusätzlichen Umwelt- und Sozialkriterien des GRS. Schwächer als GRS, stärker als eine bloße Herstellerangabe.
  • OEKO-TEX Standard 100: betrifft nicht die Herkunft, sondern Schadstoffe. Der Stoff wurde auf Rückstände geprüft. Bei einer Schicht direkt auf der Haut ist das relevant, es ist aber keine Aussage über Recycling.
  • bluesign: steht für Prozess- und Chemikalienmanagement in der Produktion – ebenfalls keine Recycling-Aussage.

Merksatz: Herkunft, Schadstoffe und Produktionsprozess sind drei verschiedene Fragen. Ein Zertifikat beantwortet jeweils nur eine davon.

Der eigentliche Prüfpunkt – Marke oder Artikel?

Fast alle großen Outdoor-Marken haben inzwischen ein Nachhaltigkeitsprogramm, Recycling-Projekte und Zielvorgaben. Das ist echt und gehört anerkannt.

Es sagt aber nichts darüber, ob das Modell im Warenkorb zertifiziert ist. Ein Hersteller kann eine ambitionierte Konzernstrategie fahren und einzelne Artikel ohne Artikelzertifikat ausliefern – und umgekehrt kann ein kleiner Anbieter ein zertifiziertes Einzelprodukt haben. Für den Käufer zählt deshalb die Produktseite, nicht die Unternehmensseite.

Festmachen lässt sich das an drei Punkten:

  • Materialzusammensetzung mit Prozentangaben: Fehlt die Prozentangabe, ist „recycelt“ eine Aussage ohne Menge.
  • Ein genanntes Zertifikat mit Bezug auf diesen Artikel – nicht auf die Kollektion oder das Unternehmen.
  • Idealerweise eine Lizenz- oder Prüfnummer, die sich nachschlagen lässt.

Der Check im Vergleichsfeld

Für die Modelle aus unserem Vergleichsfeld haben wir nachgesehen, was auf der jeweiligen Produktseite steht. In der Spalte „Nachweis“ steht nur, was dort für den Artikel ausgewiesen ist:

Marke / ModellMaterialangabeNachweis für diesen ArtikelQuelle & Stand
Alpenwert Thermo-Set (Damen und Herren)75 % recyceltes Polyester, 20 % Polyamid, 5 % ElasthanGRS-zertifiziert und OEKO-TEX Standard 100 geprüft, für diesen Artikel ausgewiesenHerstellerangabe, geprüft Oktober 2026
Odlo Blackcomb Base Layer Langarmshirt (Damen)68 % Polyester (recycelt), 15 % Polyamid (recycelt), 10 % Polyamid, 5 % Elastan (recycelt), 2 % ElasthanNachhaltigkeitsprogramm auf Marken-Ebene, für dieses Modell kein Artikelzertifikat ausgewiesenodlo.com, Produktseite, geprüft am 5. Oktober 2026
Odlo Herren-Modell 110812Keine Angabe gefunden (Stand Oktober 2026)Keine Angabe gefunden (Stand Oktober 2026)odlo.com, Suche nach der Artikelnummer ohne Treffer, geprüft am 5. Oktober 2026
Icebreaker 175 Everyday Thermo-Oberteil (Herren)100 % MerinowolleNachhaltigkeitsprogramm auf Marken-Ebene, für dieses Modell kein Artikelzertifikat ausgewiesen – bei Wolle gilt ein anderer Maßstab, siehe nächster Abschnitticebreaker.com, Produktseite, geprüft am 5. Oktober 2026
Eivy Icecold Top (Damen)85 % GRS-zertifiziertes recyceltes Polyester, 15 % ElasthanGRS ausgewiesen, OEKO-TEX ausgewieseneivy.co, Produktseite, geprüft am 5. Oktober 2026
Danish Endurance Merino Thermo-Shirt (Damen und Herren)80 % Wolle (Merino), 20 % recyceltes PolyamidOEKO-TEX ausgewiesendanish­endurance.com, Produktseiten Damen und Herren, geprüft am 5. Oktober 2026
Nooyme Thermo­unterwäsche-Set (Damen)65 % Bambuskohle, 27 % Nylon, 8 % Elasthan (Angabe der Händlerseite)OEKO-TEX ausgewiesenamazon.de, Händlerseite, geprüft am 5. Oktober 2026
Gomati Thermo-Unter­wäsche-Set Seamless (Damen)70 % Polyamid, 22 % Polyester, 8 % ElasthanOEKO-TEX ausgewiesenamazon.de, Händlerseite, geprüft am 5. Oktober 2026
Lapasa Merino-Thermo­unterhose (Herren)100 % WolleOEKO-TEX ausgewiesenamazon.de, Händlerseite, geprüft am 5. Oktober 2026

Die Übersicht zeigt, was zum Prüfzeitpunkt öffentlich ausgewiesen war. Ein fehlender Eintrag bedeutet nicht, dass ein Material nicht recycelt ist – sondern dass dazu kein Nachweis auffindbar war. Hersteller ändern Angaben, Hinweise nehmen wir gern entgegen.

Zur Einordnung der Odlo-Zeile: Der Hersteller nennt den recycelten Anteil auf der Produktseite mit Prozentangaben – das ist mehr, als viele Etiketten hergeben. Auf Marken-Ebene gibt Odlo an, GRS-zertifizierte Fasern mit recyceltem Anteil einzusetzen und seine Base Layer nach OEKO-TEX Standard 100 zertifizieren zu lassen (odlo.com, Beitrag vom 10. Februar 2026, geprüft am 5. Oktober 2026). Auf der Produktseite des Blackcomb selbst war zum Prüfzeitpunkt kein Zertifikat genannt. Das Herren-Modell 110812 war auf odlo.com nicht auffindbar, deshalb steht dort eine Lücke und keine Bewertung.

Bei Nooyme, Gomati und Lapasa haben wir auf den geprüften Händlerseiten zu recyceltem Material keine Angabe gefunden (Stand Oktober 2026). OEKO-TEX Standard 100 ist dort jeweils ausgewiesen, bei Nooyme und Danish Endurance mit Zertifikatsnummer.

Wolle ist ein anderer Fall

Bei Merinowolle ist „recycelt“ nicht das passende Kriterium. Wolle ist eine Naturfaser und wird überwiegend nicht als Recyclingmaterial verarbeitet. Die relevanten Fragen lauten hier anders:

  • Tierwohl und Mulesing-Freiheit
  • Rückverfolgbarkeit bis zur Farm
  • Zertifizierungen wie ZQ oder RWS (Responsible Wool Standard)

Ein Merino-Baselayer fällt in diesem Check also nicht durch – er wird nach einem anderen Maßstab beurteilt. Wer Naturfaser bevorzugt, sollte auf diese Nachweise schauen, nicht auf GRS.

Beispiel Icebreaker: Für das 175 Everyday gibt der Hersteller 100 % Merinowolle an, ein Zertifikat ist auf der Produktseite nicht genannt. Auf Marken-Ebene dokumentiert Icebreaker dafür ungewöhnlich viel: Nach eigenen Angaben sind 93 % der Merinowolle ZQ-zertifiziert (bezogen auf die Wollmengen 2025), Mulesing hat die Marke demnach bereits 2008 untersagt, und sie veröffentlicht unter dem Leitbild „Move to natural“ ein jährliches Transparenz-Update (icebreaker.com, Transparenz-Seite, geprüft am 5. Oktober 2026). Ob das einzelne Shirt aus ZQ-zertifizierter Wolle besteht, ist auf der Produktseite nicht ausgewiesen.

Formulierungen, bei denen man nachfragen sollte

Unabhängig von der Marke gibt es Formulierungen, die nach mehr klingen, als sie belegen:

  • „Umweltfreundlich“, „eco“, „grün“, „nachhaltig produziert“ ohne Zahl und ohne Zertifikat: Werbesprache, kein Nachweis.
  • „Aus recycelten Materialien“ ohne Prozentangabe: Die Menge ist unbekannt.
  • Ein Zertifikatslogo im Footer oder auf der Unternehmensseite, aber nicht am Artikel: Es gilt dann nicht automatisch für dieses Produkt.
  • „Klimaneutral“ ohne Angabe, worauf sich das bezieht und wie kompensiert wird.

Es gibt auch den umgekehrten Fall – Hersteller, die vage Eco-Labels bewusst abgeschafft haben, weil sie nicht prüfbar waren. Das ist ein gutes Zeichen, nicht ein schlechtes. Odlo etwa hat den Zusatz „Eco“ aus seinen Produktnamen gestrichen und begründet das so: „Indem wir ‚Eco‘ aus unseren Produktnamen streichen, machen wir Nachhaltigkeit nicht zum Marketing-Label.“ Den genauen Recycling-Anteil nennt der Hersteller stattdessen in den Produktdetails (odlo.com, Beitrag vom 10. Februar 2026, geprüft am 5. Oktober 2026).

Ebenfalls von Odlo dokumentiert: ein Recycling-Projekt mit dem Schweizer Unternehmen DePoly, bei dem Zuschnittreste aus der eigenen Base-Layer-Fertigung chemisch recycelt und wieder zu Polyesterstoff verarbeitet wurden. Der Hersteller beschreibt das als Machbarkeitsnachweis, Produktprototypen sind als nächster Schritt angekündigt (odlo.com, Newsroom-Beitrag vom 23. September 2025, geprüft am 5. Oktober 2026).

Fazit

Die Frage „Ist das recycelt?“ lässt sich am Etikett nicht beantworten, die Frage „Ist das nachgewiesen?“ schon. Drei Handgriffe reichen: die Prozentangabe suchen, das Zertifikat am Artikel suchen und prüfen, ob es sich auf den Artikel oder nur auf das Unternehmen bezieht.

Im geprüften Vergleichsfeld weisen zwei Modelle GRS und OEKO-TEX direkt am Artikel aus: das Alpenwert-Set und das Eivy Icecold Top. Odlo nennt für das Blackcomb den recycelten Anteil in Prozent und verweist auf Marken-Ebene auf GRS-zertifizierte Fasern, weist zum Prüfzeitpunkt am Artikel aber kein Zertifikat aus. Icebreaker ist als Merino-Anbieter nach einem anderen Maßstab zu beurteilen und dokumentiert seine Wollherkunft auf Marken-Ebene. Die günstigeren Modelle weisen OEKO-TEX aus; zu recyceltem Material war bei den meisten von ihnen keine Angabe zu finden.

Welche drei Verarbeitungsdetails über Tragekomfort entscheiden, steht hier →

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Porträt von Andrzej, Alpin-Allrounder & Chefredakteur bei Bergvergleich

Über den Autor

Andrzej, Alpin-Allrounder & Chefredakteur

Andrzej liebt raue, mehrtägige Bergtouren und teilt seine jahrelange Praxiserfahrung mit einem ungeschönten, pragmatischen Blick auf das, was auf dem Trail wirklich funktioniert.

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